Reichstag in Berlin
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Ein Locopodia Text, gesprochen von Christian Eckert
Der Reichstag oder korrekt bezeichnet “das Reichstagsgebäude” wurde nach dem Zusammenschluss der deutschen Staaten zum Deutschen Kaiserreich 1871 als erster Sitz eines deutschen Parlaments gebaut.
Nach dem Ende der deutschen Teilung wurde er wieder zum Sitz des vereinten Deutschen Bundestags.
Die neue Kuppel ist über das Westportal für Besichtigungen zugängig.
Geschichte
Der Bau des Reichstags wurde kurz nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs bereits im April 1871 beschlossen. Die Abgeordneten aller deutschen Staaten sollten damit ausreichend Platz in einem würdigen Parlamentsgebäude erhalten.
Bis zur Fertigstellung vergingen jedoch ganze 23 Jahre. Bei den Verzögerungen spielten sowohl Auseinandersetzungen bezüglich der architektonischen Entwürfe, wie auch die Haltung des deutschen Kaisers Wilhelm II. eine Rolle. Diesem war das repräsentative Gebäude der Volksvertretung offenbar ein Dorn im Auge.
Zwar einigte man sich durch einen Architekturwettbewerb schnell auf ein bauliches Konzept, allerdings fehlte der Bauplatz zur Umsetzung. Der Eigentümer wollte sein Grundstück einfach nicht verkaufen. Erst nach dessen Tod konnte fast 10 Jahre später das Grundstück erworben werden. Mittlerweile war aber für den architektonischen Entwurf keine Mehrheit mehr vorhanden.
Aus einem neuen Wettbewerb ging 1884 der Entwurf von Paul Wallot als Sieger hervor. Die Synthese von Stilrichtungen wie italienischer Hochrenaissance oder Neobarock sollte in seinem Konzept die Vereinigung der deutschen Kleinstaaten widerspiegeln.
Allerdings musste Wallot massive Änderungen an seinem Entwurf erdulden. Die fortwährenden Änderungen führten auch dazu, dass anstelle der geplanten steinernen Kuppel eine neuartige Konstruktion aus Glas und Stahl errichtet wurde. Die heutige, neue Kuppel knüpft an diese Tradition von Transparenz und Innovation an.
1894 war das Reichstagsgebäude nach zehnjähriger Bauzeit fertiggestellt – die noch von Wallot entworfene Inschrift “Dem Deutschen Volke” wurde aber erst 1916, mitten in den Wirren des 1. Weltkriegs, angebracht. Man sagt, der Kaiser selbst habe die Anbringung so lange verzögert.
Ende der Monarchie
Am Nachmittag des 9. November 1918 rief Phillip Scheidemann vom zweiten Balkon rechts neben dem Hauptportal die “Deutsche Republik” aus. Nur Stunden später proklamierte Karl Liebknecht die „Freie Sozialistische Republik“. Beide reagierten damit auf die mittags lancierte Abdankung Wilhelm II. als deutscher Kaiser.
Diese Ereignisse besiegelten das Ende der Monarchie in Deutschland und ebneten den Weg zur Beendigung des ersten Weltkriegs nur zwei Tage später.
Fortan hatte das Parlament der Weimarer Republik seinen Sitz im Reichstag.
Reichstagsbrand und Nationalsozialismus
Kurz nach der Machtergreifung Hitlers brannte in der Nacht zum 28. Februar 1933 der Reichstag. Die Kuppel stand in hellen Flammen, der Plenarsaal und die angrenzenden Räume brannten aus.
Die Nationalsozialisten hatten noch in derselben Nacht den niederländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe als Brandstifter verhaftet und später wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Heute deutet jedoch Vieles darauf hin, dass die Nazis den Brand selbst gelegt haben könnten.
In jedem Fall nutzten Sie das Ereignis, um mit der “Reichstagsbrandverordnung” Gesetze zu erlassen, die ihnen ein noch radikaleres Vorgehen gegen ihre politischen Gegner ermöglichten.
Nach dem Brand wurde das Gebäude zunächst nur notdürftig wieder hergestellt, im Krieg dann aber festungsartig ausgebaut. Unter anderem waren hier während des Zweiten Weltkriegs eine Produktionsstätte der AEG, ein Lazarett und sogar die gynäkologische Station der Charité Kliniken untergebracht.
Von den Nationalsozialisten blieb das Gebäude nach dem Brand als politische Wirkungsstätte verschont. So fanden beispielsweise Hitlers Reden als Reichskanzler in der provisorisch genutzten Krolloper statt.
In den letzten Kriegstagen wurde das Reichstagsgebäude schwer umkämpft und schließlich im April 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen. Bei der jüngsten Renovierung wieder frei gelegte Graffitis russischer Soldaten sind ein Zeugnis dieser Tage.
Nachkriegsgeschichte und Wiedervereinigtes Deutschland
Erst 1955 beschloss der deutsche Bundestag einen Wiederaufbau des stark beschädigten Reichstagsgebäudes.
Die damalige Planung folgte dem Stil der Moderne der 60er Jahre: Gerade Linien, glatte Flächen und jeglicher Verzicht auf dekorative Elemente.
1973 war dieser Neuaufbau beendet. Da aber seit dem Vier Mächte Abkommen von 1971 keinerlei Plenarsitzungen in Berlin abgehalten werden durften, schied das Gebäude für die Nutzung durch den Bundestag aus. Es wurde daher hauptsächlich für Ausstellungen genutzt oder bot Regierungsgästen einen Blick über die direkt auf der Rückseite angrenzende Berliner Mauer.
Erst mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 und der Entscheidung für Berlin als neuen Regierungssitz, wurde der Reichstag zum Sitz des Bundestags auserkoren.
Vor dem Umzug wurde der Reichstag jedoch zum modernen Parlamentsgebäude umgebaut. Dabei wurden auch die nüchternen Umgestaltungen der Nachkriegszeit revidiert.
Den Architekturwettbewerb gewann Sir Norman Foster. Doch auch sein Konzept blieb nicht unberührt. Er hatte beispielsweise strikt von einer Kuppel abgeraten, musste sich diesbezüglich aber – wie auch bei der Gestaltung des Bundesadlers im Plenarsaal – den Wünschen der Abgeordneten beugen.
So bestätigte auch dieser Umbau die Tradition des Reichstags als Symbol parlamentarischer Macht. Weder von Kaiser noch künstlerischer Freiheit ließen sich die Abgeordneten über die Jahrhunderte in ihrer Entscheidungsfindung einschränken.
