Tacheles in Berlin

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Ein Locopodia-Text, gesprochen von Christian Eckert

Ruine, Kunstwerk, Kulturzentrum – das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße ist ein wenig von Allem. Mit seinem nonkonformistischen Konzept und dem Ursprung in der Kunst- und Hausbesetzerszene der Wendezeit steht es auch für ein authentisches Berlin jenseits der hochglanzsanierten Museumsobjekte.

Der Name Tacheles soll noch aus der Nutzung des Gebäudes als Veranstaltungsort während der DDR-Zeit stammen. Um Tacheles – jiddisch für „Klartext“ – zu reden, mussten die Botschaften in Musik und Kunst zweideutig versteckt werden.

Geschichte
Das Gebäude wurde 1909 unter dem Namen Friedrichstraßenpassage als Kaufhaus eröffnet.
Die Passage bestand damals aus mehreren Gebäuden, die die Friedrichstraße mit der Oranienburger Straße verbanden. Bereits ein halbes Jahr nach der Eröffnung musste das Kaufhaus jedoch Konkurs anmelden. Die Gebäude wurden daraufhin von Wolf Wertheim angemietet, der sie bis 1914 weiter als Kaufhaus nutzte.

Ab 1928 wurde das Gebäude von der AEG genutzt, die es als ihren zentralen Präsentationsraum – heute würde man sagen Flagship Store – nutzte. Diese exponierte Stellung führte auch dazu, dass hier Ende der 30er Jahre die weltweit erste Fernsehübertragung stattfand.

Im Zweiten Weltkriege erlitten die Gebäude zwar einige Schäden, große Teile der Gebäude blieben jedoch verhältnismäßig gut erhalten.

Nutzung in der DDR
1948 wurde das Haus vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund übernommen. Die Kriegsschäden wurden aber nur provisorisch repariert, so dass das Gebäude trotz durchgehender Nutzung zunehmend verfiel.

Langjähriger Nutzer war z.B. das Kino Camera, für das der ehemalige Vortragssaal der AEG ausgebaut wurde. Während dieser Umbauten wurde der Kassenbereich angelegt, der noch heute den Eingang zum Tacheles bildet. Auch der Kinosaal wird wieder als Theatersaal genutzt.

Nach zwei baustatischen Gutachten schienen 1977 das Aus für das Gebäude besiegelt. Allerdings bleibt zweifelhaft, ob für dieses Urteil tatsächlich der Verfall der Bausubstanz oder die Planung einer Querstraße zwischen Oranienburger und Friedrichstraße ausschlaggebend war.
Erste Abbruchmaßnahmen begannen 1980, zwei Jahre später wurde das Kino geschlossen – der vollständig erhaltene Kuppelbau wurde gesprengt.
Der heute noch vorhandene Teil sollte im April 1990 abgetragen werden. Hier machte aber der Fall der Mauer der Abrissbirne einen Strich durch die Rechnung.
Im Februar 1990 besetzten rund 50 Künstler aus Ost und West den Rest der wertvollen Passage und verhinderten so eine Sprengung.

Künstlerinitiative Tacheles
In Verhandlungen mit der Baudirektion Berlin-Mitte und unter Berufung auf Denkmalschutz versuchten die Besetzer, den Abriss dauerhaft zu verhindern. Die Künstlerinitiative Tacheles ließ ein neues Gutachten zur Bausubstanz und Statik erstellen, das positiv ausfiel. Der Abriss wurde ausgesetzt, das Haus vorläufig unter Denkmalschutz gestellt.

Von den beteiligten Künstlern wurde das Gebäude bunt bemalt. Im Inneren und hinter dem Gebäude entstanden aus Schutt etliche Skulpturen, die einigermaßen erhaltenen Räume wurden für Konzerte, Ausstellungen und Partys genutzt. Schnell hatte sich das ehemalige Kaufhaus damit zu einer festen Größe im Kunst- und Nachtleben Berlins etabliert.

Im Jahre 1998 handelte der Tacheles e.V. einen Mietvertrag aus, der bis Ende 2008 gilt. Als symbolische Mietzahlung wurde damals 1 DM pro Monat vereinbart. Für die Weiternutzung hat der Verein ein Konzept bis 2020 ausgearbeitet.